Sanuki Kagari Temari: Handwerk aus Kagawa

Sanuki Kagari Temari (讃岐かがり手まり) aus Kagawa: Geschichte, Technik, Materialien, Muster und Pflege – ruhig erklärt, fachlich fundiert, ohne Klischees.

Eriko Arai, Kumi Take

2/21/20266 min lesen

black blue and yellow textile
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Eine Temari ist rund, aber nicht beliebig. Wer eine Sanuki Kagari Temari (讃岐かがり手まり) in der Hand hält, spürt schnell, dass ihre Schönheit nicht aus Oberfläche entsteht, sondern aus Ordnung. Aus Fadenspannung, aus Geometrie auf einer Wölbung, aus Geduld, die man nicht sieht – und doch sofort ahnt.

Diese Temari kommen aus Kagawa, dem historischen Sanuki. In der Region waren über lange Zeit „weiße“ Güter prägend: Salz, Zucker und Baumwolle. Genau diese Baumwolle ist bis heute das Herz des Handwerks. Nicht als nostalgisches Material, sondern als bewusst gewählte Faser, die Farbe weich aufnimmt, Licht ruhig reflektiert und das Objekt nahbar macht.

Sanuki Kagari Temari ist damit kein dekoratives Zitat „japanischer Muster“, sondern eine regional verankerte Technik – ein Stück Alltagskultur, das nur deshalb überlebt, weil es weitergegeben wird: in Werkstätten, im Unterricht, in Händen, die den Faden führen, ohne ihn zu zwingen.

Hauptteil als Fachartikel (H2/H3)

Begriff und Einordnung: Was bedeutet „Sanuki Kagari Temari“?

Der Name ist bereits eine Definition. „Sanuki“ (讃岐) ist die historische Bezeichnung der Region Kagawa. „Temari“ (手まり) meint traditionell handgemachte Kugeln, die sich in Japan von Spielbällen zu Objekten der Handarbeit und Geschenk-Kultur entwickelten. „Kagari“ (かがり) beschreibt die Technik des „Umstechens“ und „Umfassens“: Fäden werden nicht gedruckt oder gewebt, sondern Stich für Stich über eine vorbereitete Kugel geführt, bis Muster entstehen.

Sanuki Kagari Temari sind somit bestickte Temari, deren Charakter vor allem durch drei Dinge geprägt wird: ein leichter, nachgiebiger Kern, Baumwollgarn, das oft pflanzengefärbt wird, und eine streng aufgebaute Einteilung der Kugel, die geometrische Motive überhaupt erst möglich macht.

Sanukis „Drei Weiße“ (讃岐三白): Warum Baumwolle hier zur Identität gehört

In Kagawa ist Baumwolle historisch nicht Nebensache, sondern Teil der regionalen Wirtschafts- und Alltagsgeschichte – zusammen mit Salz und Zucker als „Sanukis Drei Weiße“. Dieser Hintergrund ist für das Handwerk wichtig, weil er erklärt, warum Baumwollfaden in Sanuki nicht als Ersatzmaterial gilt, sondern als konsequente Wahl.

Baumwolle trägt Farbe anders als Seide. Sie glänzt weniger, wirkt weicher, und sie verzeiht kaum Unachtsamkeit: Wenn die Spannung unruhig wird oder der Faden franst, sieht man es. Gerade daraus entsteht eine eigene Ästhetik. Sanuki Kagari Temari wirken oft still, freundlich, fast atmend – nicht, weil sie „niedlich“ sein wollen, sondern weil Material und Technik eine gewisse Zurückhaltung erzwingen.

Der Kern: Reishülsen (もみ殻), Papier und eine Kugel, die nachgibt

Viele Sanuki Kagari Temari beginnen mit etwas, das man später nicht mehr sieht: Reishülsen (もみ殻). Sie werden zu einem Kern gebündelt und mit Papier umhüllt. Darum herum wird feiner Baumwollfaden Schicht für Schicht gewickelt, bis eine saubere Kugel entsteht.

Das wirkt schlicht, ist aber handwerklich anspruchsvoll. Eine Kugel kann rund aussehen und doch „unruhig“ sein, wenn der Druck nicht gleichmäßig ist. Die Qualität des späteren Musters hängt an dieser Basis: Je ruhiger die Oberfläche, desto klarer werden Linien und Übergänge.

Reishülsen haben dabei eine besondere Physik. Der Kern bleibt leicht und minimal federnd. Er nimmt Stiche auf, ohne hart zu sein. Das ist ein Grund, warum Temari nicht nur „Objekte“, sondern auch haptische Dinge sind: Man spürt, dass sie aus Handgriffen entstanden sind, nicht aus Formenbau.

Pflanzenfärbung (草木染め): Farbe als Nuance, nicht als Effekt

Ein typisches Merkmal ist die Farbwelt: häufig weich, warm, selten grell. Wenn Baumwollgarn mit pflanzlichen Farbstoffen gefärbt wird, entstehen Nuancen, die sich nicht wie Druckfarbe anfühlen, sondern wie Pigment im Faden.

Wichtig ist dabei: Pflanzenfärbung ist nicht „eine Farbe“, sondern ein Prozess. Ton und Tiefe hängen von Rohstoff, Wasser, Temperatur, Vorbehandlung und Wiederholung ab. Deshalb wirken viele Sanuki Kagari Temari farblich komponiert, nicht „abgezählt“. Zwei nahe Töne dürfen nebeneinander stehen, ohne gleich sein zu müssen – und gerade dadurch entsteht Tiefe.

Jiwari (地割): Das unsichtbare Koordinatensystem der Muster

Bevor ein Muster sichtbar wird, braucht es Orientierung. Dafür wird die Kugel mit Hilfsfäden in ein System aus Polen und Segmenten eingeteilt – oft als Jiwari (地割) bezeichnet. Man kann sich das wie eine kleine Weltkugel vorstellen: Nordpol, Südpol, Äquator, dazu Teilungen in gleichmäßige Felder.

Diese Einteilung ist mehr als Vorbereitung. Sie ist das Gerüst, auf dem sich die Fäden später „richtig“ verhalten. Was auf Papier wie eine simple Geometrie wirkt, wird auf einer Kugel sofort anspruchsvoll: Linien müssen über eine Wölbung laufen, ohne zu driften. Der Reiz liegt darin, dass Präzision am Ende nicht streng wirkt, sondern weich – weil Geometrie auf einer Rundung immer eine leichte Milde bekommt.

Musterwelt: Geometrie, Blüten, klassische Motive

Sanuki Kagari Temari zeigt häufig Motive, die in Japan tief verankert sind. Dazu zählen florale Varianten, besonders Chrysanthemen-Anmutungen (菊), aber auch geometrische Muster und traditionelle Formen wie Asa-no-ha (麻の葉).

Entscheidend ist weniger der Name des Motivs als seine Ausführung. Gute Arbeiten erkennt man an sauberen Übergängen, gleichmäßigen Abständen und daran, dass die Oberfläche „ruhig“ bleibt: Fäden liegen glatt, ohne Druckstellen, ohne sichtbares Zerren, ohne unklare Kanten.

Über die Zeit ist eine große Musterbreite entstanden. Neben klassischen Motiven werden auch neue Varianten entwickelt, solange sie sich in die Logik von Material, Einteilung und Technik einfügen.

Handwerk als Weitergabe: Werkstattkultur und Kurse

Sanuki Kagari Temari ist heute auch deshalb lebendig, weil es vermittelt wird. Werkstätten und Kurse machen sichtbar, was man auf Fotos kaum versteht: wie viel Ordnung in einer scheinbar spielerischen Kugel steckt.

Wer einmal selbst einen Faden über eine Einteilung führt, merkt schnell, dass „schön“ nicht das Ziel ist. Das Ziel ist stimmig. Der Faden muss halten, ohne zu schneiden. Der Stich muss greifen, ohne zu reißen. Und die Hand muss lernen, wann sie nachgeben muss, damit die Oberfläche am Ende ruhig bleibt.

Erfahrungs- und Praxisbezug (Experience)
In der Hand fühlt sich eine Sanuki Kagari Temari oft leichter an, als man erwartet. Nicht schwer wie Holz, nicht hohl wie Kunststoff. Eher wie ein Objekt mit innerem Leben: stabil, aber mit einem kleinen, federnden Widerstand.

Beim Nähen entsteht ein sehr eigenes Feedback. Wenn die Nadel durch die Wicklung geht und im Inneren die Reishülsen berührt, hört man manchmal ein trockenes, kleines „saku“ – ein Geräusch, das zugleich eine haptische Information ist. Es erinnert daran, dass das Innere nicht aus einem Block besteht, sondern aus vielen kleinen, luftigen Teilen.

Auch der Faden selbst prägt die Erfahrung. Baumwollgarn verlangt eine gleichmäßige Spannung. Zu fest, und die Oberfläche wirkt gedrückt. Zu locker, und Linien werden weich, wo sie klar sein sollten. Die besten Arbeiten wirken deshalb nicht „perfekt geschniegelt“, sondern souverän: Alles sitzt, ohne dass man die Anstrengung sieht.

Für die Pflege gilt eine einfache Logik. Trocken lagern, vor direkter Sonne schützen, nicht feucht reinigen. Staub lässt sich mit einem sehr weichen Pinsel vorsichtig lösen. Wer die Temari ausstellt, wählt am besten einen Ort mit ruhigem Licht, damit Farben langsam und gleichmäßig altern, statt abrupt auszubleichen.

Nachhaltigkeit & Werte
Sanuki Kagari Temari zeigt, wie viel Wert aus einfachen Materialien entstehen kann. Reishülsen, Papier, Baumwollfaden, pflanzliche Farbstoffe – das ist keine Materialliste des Luxus, sondern der Sorgfalt.

Die Nachhaltigkeit liegt hier nicht in einem Etikett, sondern in der Herstellungslogik: Langlebigkeit durch Reparierbarkeit, Wertschätzung durch Zeit, Qualität durch Hand. Und auch in der kulturellen Haltung, dass ein Objekt nicht „verbraucht“ wird, sondern begleitet – als Geschenk, als Erinnerung, als stiller Teil eines Raumes.

FAQ

Was ist Sanuki Kagari Temari (讃岐かがり手まり) in einem Satz?
Ein traditionelles Temari-Handwerk aus Kagawa, bei dem pflanzengefärbtes Baumwollgarn in Kagari-Technik über eine exakt eingeteilte Kugel geführt wird.

Warum wird ein Kern aus Reishülsen (もみ殻) verwendet?
Reishülsen sind leicht und lassen sich verdichten, bleiben aber elastisch. So entsteht ein stabiler, „nachgiebiger“ Kern, der Stiche gut aufnimmt und die Kugel trotzdem leicht hält.

Woran erkennt man handwerkliche Qualität?
An einer ruhigen, runden Basis, an gleichmäßiger Fadenspannung, klaren Kanten und sauberen Übergängen. Das Muster wirkt präzise, ohne hart zu wirken.

Sind die Farben immer Pflanzenfärbung (草木染め)?
Viele Arbeiten nutzen pflanzliche Farbstoffe, wodurch die Farben weich und nuanciert wirken. Je nach Herstellung können Varianten existieren – wichtig sind Materialangaben und ein stimmiges Farbbild ohne künstliche Härte.

Welche Muster sind typisch?
Häufig sind geometrische Einteilungen und florale Anmutungen wie Chrysanthemen (菊) zu sehen, außerdem klassische Muster wie Asa-no-ha (麻の葉). Die Ausführung ist wichtiger als die Bezeichnung.

Wie bewahrt man eine Temari richtig auf?
Trocken, staubarm, ohne direkte Sonne. Nicht zusammendrücken, nicht feucht reinigen. Staub vorsichtig mit weichem Pinsel entfernen.

Ist eine Temari eher Spielzeug oder Kunstobjekt?
Historisch beides. Heute ist sie meist ein Objekt der Handwerkskultur: als Geschenk, als Raumschmuck oder als Sammlerstück, das Technik und Zeit sichtbar macht.

Abschluss
Sanuki Kagari Temari ist ein Handwerk der leisen Präzision. Es verbindet regionale Geschichte mit einer Materialwahl, die nicht spektakulär sein will – und gerade deshalb überzeugt. Baumwolle, Pflanzenfarbe, Reishülsen, Papier: Alles wirkt schlicht, bis man versteht, wie konsequent es verarbeitet wird.

Vielleicht liegt die besondere Qualität dieser Temari darin, dass sie zwei Dinge gleichzeitig können: Sie sind geometrisch streng und dennoch weich im Eindruck. Sie zeigen Ordnung, ohne kalt zu werden. Und sie erinnern daran, dass Schönheit manchmal dort entsteht, wo ein Mensch lange bei einer Sache bleibt – Stich für Stich, Faden für Faden.

讃岐かがり手まり verstehen: Reishülsen-Kern, Pflanzenfärbung, Jiwari-Einteilung und Motive – Qualitätsmerkmale und kultureller Kontext auf einen Blick.

讃岐かがり手まり: Sanukis Temari-Kunst aus Baumwollfaden.