Oni 鬼: Dämonen, Masken und Schutzfiguren Japans
Oni 鬼 sind mehr als japanische Dämonen: ein ruhiger Blick auf Volksglauben, Setsubun, Masken, Theater, Bildkunst und Handwerk.
KULTUR, TRADITION UND GLAUBE
Tetsuro Otani
5/11/202611 min lesen


Oni 鬼 gehören zu den bekanntesten Gestalten der japanischen Vorstellungswelt. Oft werden sie im Deutschen schlicht als Dämonen, Teufel oder Oger übersetzt. Doch keine dieser Übersetzungen reicht ganz aus. Ein Oni ist nicht nur ein Ungeheuer mit Hörnern, Fangzähnen und Eisenkeule. Er ist eine Figur an der Grenze: zwischen Mensch und Nicht-Mensch, Krankheit und Reinigung, Schrecken und Schutz, Fremdem und Vertrautem.
In Japan erscheinen Oni in Erzählungen, Tempelbildern, Höllendarstellungen, Festen, Masken, Holzschnitten, Theaterformen und alltäglichen Redewendungen. Sie können gefürchtet werden, vertrieben werden, verlacht werden, bekehrt werden oder selbst eine schützende Rolle einnehmen. Besonders deutlich wird diese Vielschichtigkeit beim Setsubun 節分, wenn mit gerösteten Bohnen das Unglück aus dem Haus geworfen wird, aber auch bei regionalen Maskenbräuchen wie den Namahage なまはげ in Akita, die äußerlich furchteinflößend wirken und dennoch als besuchende Gottheiten verstanden werden.
Wer Oni nur als „böse Dämonen“ liest, übersieht ihre kulturelle Tiefe. In ihnen verdichten sich buddhistische Kosmologie, ältere Vorstellungen von unsichtbaren Kräften, höfische Erzähltradition, Volksglaube, Stadtkultur, Bildhandwerk und rituelle Praxis. Gerade deshalb sind Oni bis heute so präsent: Sie geben dem Unsichtbaren ein Gesicht.
Oni 鬼: Was bedeutet das Wort?
Das Zeichen 鬼 wird im Japanischen meist als oni gelesen. Es verweist auf eine übernatürliche, oft bedrohliche Gestalt, deren Bedeutung sich im Lauf der Geschichte verändert hat. In alten Vorstellungen konnte 鬼 nicht nur ein körperlich sichtbares Wesen meinen, sondern auch eine verborgene Kraft, einen unheilvollen Geist oder etwas, das dem Menschen Schaden zufügt.
Die moderne Bildform des Oni ist leicht erkennbar: kräftiger Körper, wilde Haare, Hörner, scharfe Zähne, manchmal rote, blaue oder schwarze Haut, oft ein Lendenschurz aus Tigerfell und eine schwere Eisenkeule, kanabō 金棒. Doch diese Gestalt ist nicht zeitlos. Sie entstand aus mehreren Schichten: aus buddhistischen Höllenbildern, chinesisch geprägten Vorstellungen, höfischen Erzählungen, lokalen Dämonenbildern und später der populären Kunst der Edo-Zeit.
Das macht den Oni so interessant. Er ist nicht eine Figur mit einer einzigen Herkunft, sondern ein kultureller Sammelpunkt. In ihm begegnen sich Religion, Angst, Humor, soziale Ordnung und künstlerische Form.
Ursprung und Wandel der Oni-Vorstellung
Vom unsichtbaren Unheil zur sichtbaren Gestalt
Frühe Vorstellungen von Oni waren nicht immer an ein klares Aussehen gebunden. Das Unheimliche konnte unsichtbar sein: Krankheit, plötzlicher Tod, Unglück, Seuchen, Naturgefahren oder eine unerklärliche Störung im sozialen und kosmischen Gefüge. Solche Kräfte wurden nicht notwendigerweise als „Monster“ im heutigen Sinn gedacht. Sie waren etwas, das den Menschen heimsuchte.
Mit der Ausbreitung buddhistischer Bildwelten in Japan erhielten viele dieser Kräfte konkretere Formen. Besonders Darstellungen der Hölle, jigoku 地獄, prägten das Bild von furchterregenden Wesen, die Sünder quälen oder als Wächter einer jenseitigen Ordnung auftreten. Oni konnten dort grausam erscheinen, aber nicht immer willkürlich. Sie standen oft im Dienst einer moralischen Weltordnung.
So erklärt sich eine wichtige Spannung: Oni sind furchtbar, aber nicht bloß chaotisch. Sie verkörpern das Überschreiten von Grenzen und zugleich die Folgen dieses Überschreitens.
Oni und die Richtung Nordost
Ein oft genannter Zusammenhang betrifft die unheilvolle Richtung kimon 鬼門, das „Dämonentor“, im Nordosten. In vormodernen Vorstellungen galt diese Richtung als gefährlich oder rituell sensibel. Die bildliche Verbindung von Rinderhörnern und Tigerfell wird häufig mit dieser Richtung erklärt, weil Nordost im alten chinesisch-japanischen Richtungssystem zwischen Ochse und Tiger liegt. Solche Deutungen sind in der Überlieferung wichtig, sollten aber nicht als einzige Erklärung für das Aussehen aller Oni verstanden werden. Wie so oft in Japan überlagern sich kosmologische, religiöse und populäre Lesarten.
Das typische Aussehen eines Oni
Hörner, Fangzähne und wilde Haare
Die Hörner machen den Oni sofort erkennbar. Sie zeigen, dass diese Gestalt nicht ganz menschlich ist. Fangzähne, aufgerissene Augen und wilder Haarwuchs verstärken den Eindruck von ungebändigter Kraft. In Masken und Holzschnitten wird diese Wildheit oft überzeichnet: gerunzelte Stirn, gespannter Mund, breite Nase, grelle Hautfarbe.
Doch gute Oni-Darstellungen sind selten nur grob. Gerade in alten Masken, Netsuke, Holzschnitten oder Keramikfiguren zeigt sich, wie fein das Furchtbare gearbeitet sein kann. Eine leicht asymmetrische Augenbraue, ein Mundwinkel, der zwischen Wut und Schmerz schwankt, eine abgenutzte Lackfläche am Nasenrücken: Solche Details machen die Figur lebendig.
Die Eisenkeule kanabō 金棒
Viele Oni tragen eine schwere Eisenkeule, kanabō. Sie steht für rohe Kraft, aber auch für Überlegenheit. Daraus leitet sich die Redewendung oni ni kanabō 鬼に金棒 ab: „ein Oni mit Eisenkeule“. Gemeint ist jemand oder etwas, das ohnehin schon stark ist und durch ein zusätzliches Mittel noch mächtiger wird.
In der Bildkunst ist die Keule mehr als ein Requisit. Sie gibt der Figur Gewicht. Ein Oni mit kanabō wirkt bodenständig, schwer, frontal. Das Metallische der Keule, die Noppen, die Wucht des Griffes und die Haltung der Hand erzählen etwas über Kraft, Kontrolle und Bedrohung.
Farben: Rot, Blau, Schwarz
Oni erscheinen häufig rot oder blau. Rot kann Wut, Hitze, Körperlichkeit und Aggression betonen. Blau oder Grünblau wirkt oft kälter, fremder, manchmal geisterhafter. Schwarze oder dunkle Oni können besonders bedrohlich erscheinen. Diese Farbcodes sind jedoch nicht überall streng festgelegt. Je nach Medium, Region, Werkstatt, Theaterform oder Erzählzusammenhang können Farben variieren.
Gerade bei handwerklichen Objekten ist die Farbe nie nur Symbol. Pigment, Lack, Holzgrund, Alterung und Licht verändern die Wirkung. Ein alter roter Oni aus Holz kann nach Jahrzehnten weich und fast warm erscheinen, während eine neue, glänzende Maske trotz ähnlicher Form härter wirkt.
Oni im Volksglauben und bei Setsubun
„Oni wa soto, fuku wa uchi“
Am bekanntesten ist der Oni im Zusammenhang mit Setsubun 節分, dem jahreszeitlichen Übergang vor dem Frühlingsbeginn nach traditionellem Kalender. Beim mamemaki 豆まき werden geröstete Sojabohnen geworfen, begleitet vom Ruf oni wa soto, fuku wa uchi 鬼は外、福は内: „Oni hinaus, Glück hinein.“ Heute ist Setsubun oft ein familiärer Brauch, bei dem ein Familienmitglied eine Oni-Maske trägt und spielerisch vertrieben wird. Der ältere Sinn bleibt dennoch spürbar: Das Haus wird symbolisch gereinigt, Unglück wird nach außen gebracht, Glück wird hereingebeten.
Wichtig ist dabei die Grenze. Innen und außen, Haus und Welt, Winter und Frühling, Unheil und Glück. Der Oni steht am Übergang. Er wird nicht nur bekämpft, sondern rituell benannt. Was einen Namen und ein Gesicht erhält, kann vertrieben werden.
Warum Bohnen?
Geröstete Bohnen gelten im Setsubun-Brauch als Mittel gegen unheilvolle Kräfte. In volksetymologischen Deutungen wird mame 豆, Bohne, mit Begriffen wie mametsu 魔滅, „Vernichtung des Bösen“, in Verbindung gebracht. Solche Deutungen sind nicht immer historisch eindeutig, aber kulturell wirksam. Sie zeigen, wie Klang, Handlung und Symbol in japanischen Bräuchen miteinander verschmelzen.
Die Geste selbst ist schlicht: werfen, rufen, öffnen, schließen. Eine Tür wird aufgemacht, das Unheil wird hinausgeworfen, dann wird die Schwelle wieder beruhigt. Gerade diese Einfachheit macht den Brauch so stark.
Oni, Namahage und regionale Maskenbräuche
Nicht jede furchteinflößende Maskengestalt ist im engeren Sinn ein Oni. Die Namahage von Oga in Akita sehen mit ihren wilden Masken, Strohumhängen und lauten Stimmen oni-artig aus, werden lokal aber als raijin- oder kami-nahe Besuchsgottheiten verstanden, die zum Jahreswechsel Häuser aufsuchen, Trägheit tadeln und Schutz, Ernteglück sowie Wohlergehen bringen sollen. Oga no Namahage wurde 2018 im Rahmen der japanischen „Raiho-shin“-Bräuche in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Gerade hier zeigt sich die feine Unterscheidung, die für japanische Kultur wichtig ist. Eine Maske kann dämonisch aussehen und dennoch eine schützende Funktion haben. Furcht ist nicht automatisch böse. Sie kann erziehen, reinigen, wachrütteln, Grenzen markieren.
Für das Handwerk sind solche Masken besonders interessant. Sie bestehen nicht nur aus Form, sondern aus Gebrauch. Eine Maske, die getragen wird, muss atmen lassen, halten, sprechen, schrecken und in Bewegung wirken. Holz, Papier, Lack, Pigment, Schnüre und Stroh sind keine neutralen Materialien. Sie tragen Klang, Geruch und Gewicht in den Brauch hinein.
Oni in Literatur und Erzähltradition
Shuten-dōji und die Dämonen vom Berg Ōe
Eine der berühmtesten Oni-Gestalten ist Shuten-dōji 酒呑童子, der Dämon vom Berg Ōe. In mittelalterlichen Erzähltraditionen wird er als mächtiger Oni-Herrscher geschildert, der Menschen bedroht und schließlich von Helden besiegt wird. Solche Geschichten verbinden höfische Welt, Kriegerethos, Grenzräume und die Angst vor dem Unkontrollierbaren.
Der Berg ist dabei kein zufälliger Ort. Berge waren in Japan immer auch Räume des Anderen: heilig, gefährlich, schwer zugänglich, bewohnt von Asketen, Gottheiten, Tieren, Geistern und Außenseitern. Wenn Oni in Bergen erscheinen, verweist das oft auf eine Grenze zwischen geordnetem menschlichem Raum und einer wilderen Sphäre.
Ibaraki-dōji, Kidōmaru und andere Gestalten
Neben Shuten-dōji treten weitere Oni- oder dämonenartige Figuren auf, etwa Ibaraki-dōji 茨木童子 oder Kidōmaru 鬼童丸. Ihre Geschichten variieren je nach Text, Bildtradition und späterer Bearbeitung. Gerade diese Variabilität ist typisch. Oni sind keine festgeschriebenen Figuren eines einzelnen Kanons, sondern wandern durch Erzählungen, Bilder, Theater und lokale Überlieferung.
Für Sammler und Kulturinteressierte ist das wichtig: Ein Oni-Motiv auf einem Objekt lässt sich selten nur durch eine einfache Übersetzung erklären. Man muss auf Haltung, Attribute, Begleitfiguren, Inschrift, Material, Epoche und Kontext achten.
Oni in Theater, Maske und darstellender Kunst
Nō und die Verwandlung des Menschen
Im Nō-Theater erscheinen dämonische Gestalten oft nicht als einfache Monster. Besonders die Hannya-Maske 般若面 zeigt eine Frau, die durch Eifersucht, Schmerz, Zorn oder Besessenheit zur dämonischen Gestalt geworden ist. Sie besitzt Hörner, goldene Augen und einen schmerzhaft verzogenen Mund. Je nach Neigung des Kopfes kann sie wütend oder leidend wirken. Diese Ambivalenz ist zentral: Das Dämonische entsteht nicht außerhalb des Menschen, sondern in einer extremen Verwandlung menschlicher Gefühle.
Eine gute Hannya-Maske lebt von Zurückhaltung und Präzision. Der Schnitzer muss nicht nur Angst erzeugen, sondern einen Zustand zwischen Schönheit, Schmerz und Gefahr. Das Holz, häufig Hinoki 桧, wird geformt, geglättet, grundiert, bemalt, teils mit metallischen Akzenten versehen. Die Maske ist unbewegt, aber auf der Bühne verändert sie sich mit Licht, Winkel und Körperhaltung.
Kabuki, Kyōgen und populäre Bildformen
Auch im Kabuki und in volkstümlicheren Darstellungsformen erscheinen Oni, Dämonen, Geister und verwandte Wesen. Dort können sie lauter, farbiger und dramatischer wirken. Während das Nō oft auf Verdichtung und innere Spannung setzt, erlaubt Kabuki größere Gestik, starke Schminke, spektakuläre Kostüme und unmittelbare Wirkung.
In der Edo-Zeit wurden solche Figuren durch Holzschnitte, surimono, illustrierte Bücher und Theaterbilder weiter verbreitet. Künstler wie Katsushika Hokusai griffen Masken- und Dämonenmotive auf; museale Sammlungen bewahren etwa Drucke, in denen Oni-Masken als künstlerische Gegenstände erscheinen.
Oni in der Edo-Zeit: Stadtmode, Bildwitz und Handwerk
Die Edo-Zeit brachte eine besondere Verdichtung von Bildkultur hervor. In Städten wie Edo, Kyoto und Osaka entstanden Märkte für Drucke, illustrierte Bücher, Theaterbilder, Festobjekte, Spielzeug, Netsuke, Masken und dekorative Alltagsgegenstände. Oni wurden dabei nicht nur als furchteinflößende Wesen gezeigt, sondern auch humorvoll, satirisch oder beinahe liebenswert.
Gerade diese populäre Seite ist wichtig. Ein Oni konnte in einem Holzschnitt grausam wirken, auf einem Netsuke aber verschmitzt, auf einem Kinderspielzeug komisch, auf einer Setsubun-Maske grob und lachend. Die Figur wanderte zwischen Religion, Volksbrauch und Unterhaltung.
Auch in der Mode- und Objektwelt konnten Oni-Motive auftauchen: auf Textilien, kleinen Beschlägen, Tabakutensilien, Inrō, Netsuke, Keramik oder Festobjekten. Dort war das Motiv oft mehrdeutig. Es konnte Mut, Abwehr, Humor, Wildheit oder gelehrte Kenntnis anzeigen. Bei Haarschmuck, Kämmen oder kleinen Accessoires der Stadtkultur spielte weniger der Oni als Hauptfigur eine Rolle, sondern eher das größere Spiel mit Theatermotiven, Glückszeichen, Jahreszeiten, Schutzsymbolen und populären Bildwelten. Genau in diesem Umfeld wird verständlich, warum japanische Handwerksobjekte selten rein dekorativ sind: Sie tragen Bedeutung in kleiner Form.
Material, Herstellung und Qualität bei Oni-Objekten
Holzmasken
Bei alten Oni- oder dämonischen Masken lohnt ein Blick auf das Material. Holzmasken zeigen oft feine Schnitzspuren, leichte Asymmetrien, Schichten von Grundierung und Pigment. Abnutzung entsteht dort, wo Hände greifen, wo Schnüre scheuern, wo die Maske am Gesicht oder an Stoff anliegt. Eine echte Gebrauchspatina wirkt nicht gleichmäßig. Sie sammelt sich an Kanten, Erhebungen und Kontaktflächen.
Bei neueren Dekorationsmasken ist die Oberfläche oft glatter, gleichmäßiger, manchmal bewusst „antik“ gemacht. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, aber anders. Eine Maske für rituellen oder darstellerischen Gebrauch folgt anderen Anforderungen als eine reine Wanddekoration.
Papier, Lack und Volkskunst
Viele volkstümliche Oni-Masken bestehen aus Papiermaché, hariko 張子, oder verwandten leichten Materialien. Sie sind einfacher, direkter und oft farbkräftiger als Theatermasken. Gerade ihre Leichtigkeit gehört zu ihrer Funktion. Eine Setsubun-Maske muss nicht die psychologische Tiefe einer Nō-Maske besitzen. Sie muss erkennbar sein, getragen werden können und im häuslichen Raum wirken.
Lack und Pigment verändern sich mit der Zeit. Rote Flächen können matter werden, schwarze Linien weicher, goldene Akzente dunkler. Solche Alterung ist Teil der Objektgeschichte. Sie sollte nicht vorschnell als Schaden gelesen werden.
Netsuke, Keramik und kleine Sammlerobjekte
Oni erscheinen auch auf Netsuke, kleinen Skulpturen, Keramikfiguren und anderen kunsthandwerklichen Objekten. Hier zeigt sich die besondere japanische Fähigkeit, große Erzählungen in kleine Formen zu bringen. Ein sitzender Oni, der erschöpft wirkt, ein Oni, der eine Trommel trägt, ein Oni, der von einem Mönch bezwungen wird: Solche Motive erzählen nicht nur vom Bösen, sondern von Umkehrung, Humor und menschlicher Nähe.
Bei Netsuke ist die Haptik entscheidend. Ein gutes Stück liegt nicht nur im Auge, sondern in der Hand. Rundungen, Durchbrüche, polierte Erhebungen und Vertiefungen zeigen, ob ein Objekt wirklich für Berührung gedacht war. Bei Oni-Motiven wird die Spannung zwischen rauer Gestalt und glatter Handform besonders reizvoll.
Typische Missverständnisse über Oni
Oni sind nicht einfach „Teufel“
Die Übersetzung „Teufel“ ist problematisch, weil sie christliche Vorstellungen hineinträgt. Oni können böse sein, aber sie gehören nicht zu einem einfachen Gegensatz von Gott und Teufel. Sie können Strafe ausführen, Unheil verkörpern, Schwellen bewachen, bekehrt werden oder in Bräuchen eine reinigende Funktion übernehmen.
Oni sind nicht immer Feinde
Beim Setsubun werden Oni hinausgeworfen. In anderen Zusammenhängen können oni-artige Gestalten aber schützen oder ermahnen. Die Namahage zeigen besonders deutlich, dass erschreckende Erscheinung und wohltätige Funktion zusammenfallen können. Furcht ist hier ein kulturelles Mittel, nicht bloß ein Zeichen von Bosheit.
Nicht jede Hörnermaske ist ein Oni
Japanische Maskenkultur kennt viele dämonische, tierhafte, göttliche oder geisterhafte Formen. Hannya, tengu, namahage, shishi, ja 蛇 und andere Maskentypen besitzen eigene Kontexte. Äußere Ähnlichkeit reicht nicht, um ein Objekt sicher als Oni zu bestimmen. Entscheidend sind Form, Name, Gebrauch, Region und Überlieferung.
Oni heute: Popkultur und lebendige Symbolik
Heute erscheinen Oni in Manga, Anime, Games, Tattoos, Figuren, Mode und Design. Dabei wird die Figur oft neu interpretiert: als Gegner, Antiheld, Schutzsymbol, Ausdruck innerer Wut oder Zeichen wilder Stärke. Manche modernen Darstellungen lösen Oni aus ihrem religiösen und volkskundlichen Kontext. Andere greifen bewusst ältere Formen auf.
Für eine kulturell sorgfältige Betrachtung ist beides wichtig. Oni sind nicht im Museum eingeschlossen. Sie leben weiter, verändern sich und werden neu gelesen. Doch ihre Tiefe bleibt dort am stärksten, wo man die älteren Schichten mitdenkt: Schwelle, Reinigung, Angst, Körper, Maske, Handwerk.
Nachhaltigkeit und Werte: Warum alte Oni-Objekte mehr sind als Dekoration
Ein altes Oni-Objekt ist selten nur ein Motiv. Es trägt Materialgeschichte, Gebrauchsspuren und kulturelle Verdichtung. Eine Maske mit matter Pigmentschicht, ein Netsuke mit geglätteter Oberfläche oder eine Keramikfigur mit kleinen Brennunregelmäßigkeiten erzählt von Herstellung, Berührung und Zeit.
Gerade im Umgang mit japanischem Kunsthandwerk ist diese Langsamkeit wichtig. Nicht alles muss makellos sein. Kleine Spuren können zeigen, dass ein Objekt gelebt hat. Wert entsteht nicht allein durch Alter oder Seltenheit, sondern durch Stimmigkeit: Material, Motiv, Ausführung, Zustand und kultureller Zusammenhang.
Das unterscheidet authentische Objektkultur von bloßer Motivware. Ein Oni als Massenbild bleibt ein Zeichen. Ein gut gearbeitetes Oni-Objekt wird zu einer Begegnung mit Form, Hand und Vorstellung.
FAQ
Was ist ein Oni?
Ein Oni 鬼 ist eine übernatürliche Gestalt der japanischen Vorstellungswelt. Er wird oft als Dämon, Oger oder Unheilwesen beschrieben, kann aber je nach Kontext auch rituelle, schützende oder belehrende Funktionen haben.
Sind Oni böse?
Oni können böse oder gefährlich dargestellt werden, sind aber nicht immer einfach „böse“. In Ritualen und regionalen Bräuchen können furchteinflößende Gestalten auch reinigen, schützen oder gesellschaftliche Ordnung symbolisieren.
Warum haben Oni Hörner?
Hörner markieren den Oni als nicht-menschliche, übernatürliche Gestalt. Häufig werden sie auch mit alten Richtungsvorstellungen und der unheilvollen Richtung Nordost in Verbindung gebracht, doch das Aussehen der Oni hat mehrere historische Schichten.
Was bedeutet „Oni wa soto, fuku wa uchi“?
Der Ruf bedeutet „Oni hinaus, Glück hinein“. Er gehört zum Setsubun-Brauch, bei dem geröstete Bohnen geworfen werden, um symbolisch Unglück aus dem Haus zu vertreiben und Glück einzuladen.
Was ist der Unterschied zwischen Oni und Hannya?
Oni ist ein allgemeiner Begriff für dämonische oder unheilvolle Wesen. Hannya 般若 ist ein bestimmter Maskentyp des Nō-Theaters, der eine Frau zeigt, die durch starke Gefühle wie Eifersucht, Schmerz oder Zorn zur dämonischen Gestalt geworden ist.
Sind Namahage Oni?
Namahage sehen oni-artig aus, werden lokal aber als besuchende Gottheiten verstanden. Sie treten zum Jahreswechsel auf, ermahnen die Menschen und sollen Schutz, Wohlergehen und gute Ernte bringen.
Woran erkennt man ein gutes Oni-Objekt?
Wichtig sind Material, Ausführung, Ausdruck, Alterung und Kontext. Bei Masken zählen Form, Pigmentschicht, Tragespuren und innere Spannung. Bei kleinen Objekten wie Netsuke oder Keramik spielen Haptik, Proportion und handwerkliche Stimmigkeit eine große Rolle.
Abschluss
Oni sind eine der eindrucksvollsten Figuren Japans, weil sie nicht auf eine einzige Bedeutung festgelegt sind. Sie erschrecken und schützen, zerstören und reinigen, stehen außerhalb der Ordnung und machen gerade dadurch Ordnung sichtbar. Ihre Hörner, Keulen und wilden Gesichter gehören zu einer Bildwelt, die tief in Ritual, Theater, Volksglauben und Handwerk verwurzelt ist.
Wer Oni betrachtet, begegnet nicht nur dem japanischen Dämon. Er begegnet einer Kultur der Schwellen: zwischen Haus und Außenwelt, Winter und Frühling, Mensch und Maske, Angst und Form. Darin liegt ihre bleibende Kraft.