Gifu Wagasa: Japans elegante Wagasa aus Gifu
Gifu Wagasa (岐阜和傘): 400 Jahre Handwerk aus Mino-Washi, Madake-Bambus & Öl. Geschichte, Techniken, Pflege und kultureller Kontext.
KUNSTHANDWERK
Seiko Begert, Marie Takeda
2/20/20266 min lesen


Wer eine Gifu Wagasa (岐阜和傘) zum ersten Mal in der Hand hält, versteht schnell, warum sie in Japan nicht nur „Schirm“, sondern Kulturgegenstand ist: geschlossen wirkt sie wie eine klare Linie – geöffnet wie ein präzises Rad aus Bambus, Papier und Licht. Diese Ästhetik ist nicht zufällig. Sie ist Ergebnis einer regionalen Handwerkstradition, die sich über Jahrhunderte in Gifu (Kano/加納) verdichtet hat – dort, wo Mino-Washi (美濃和紙), Madake-Bambus (真竹) und die Logistik der Flusswege zusammenkamen.
Seit dem 18. März 2022 ist „Gifu Wagasa“ zudem als staatlich anerkanntes traditionelles Handwerk (伝統的工芸品) unter dem japanischen System der Traditional Craft Industries ausgewiesen – ein formaler Rahmen, der nicht „Romantik“ bestätigt, sondern klar definierte Kriterien zu Technik, Material und Herstellungsweise.
4) Hauptteil – Fachartikel
H2: Was bedeutet „Wagasa“ – und was ist an Gifu Wagasa anders?
Wagasa (和傘) bezeichnet traditionelle japanische Schirme aus Naturmaterialien – typischerweise Bambus/ Holz als Struktur und Washi als Bespannung, oft mit Öl imprägniert. Innerhalb dieser Welt steht Gifu Wagasa für eine besondere Priorität: Schönheit im geschlossenen Zustand. Das zeigt sich im Begriff hosomono (細物) – „feine, schlank schließende“ Schirme, deren Silhouette so gestaltet ist, dass sie auch zugeklappt elegant wirkt.
Typische Gattungen, die in Gifu traditionell gefertigt werden, sind u. a. Janomegasa (蛇の目傘), Bangasa (番傘), Higasa (日傘), Buyōgasa (舞踊傘) sowie größere Formen wie Nodategasa (野点傘).
H2: Kano (加納) als Werkstattlandschaft – warum gerade Gifu?
Dass Gifu zum Zentrum wurde, lässt sich sachlich erklären:
Materialnähe: Mino-Washi, Bambus (insb. Madake) und pflanzliche Öle waren regional verfügbar.
Transport & Handel: Der Nagara-Fluss (長良川) verband Rohstoffe und Absatzmärkte; über Wasserwege konnten Schirme weit vertrieben werden.
Produktionsorganisation: Eine ausgeprägte Arbeitsteilung (分業) mit koordinierenden Händlern/ Großhändlern machte eine hohe Stückzahl möglich – ohne die handwerkliche Logik aufzugeben.
Die historische Dimension ist greifbar: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden Jahresproduktionen von über zehn Millionen Gifu-Wagasa genannt; zugleich prägten Trockenplätze und Straßenbilder mit aufgehängten Schirmen die Saisonästhetik.
H2: 400 Jahre Kontinuität – Eckdaten der Entwicklung
Beginn/Frühe Phase: Für Gifu werden Anfänge der Produktion bereits im 17. Jahrhundert im Kontext des Kano-Gebiets genannt (u. a. im städtischen Überblicksmaterial).
Förderphase im 18. Jahrhundert: Besonders gut dokumentiert ist ein Impuls von 1756 (宝暦6): Der Kano-Herr Nagai Naonobu (永井直陳) förderte die Schirmproduktion, um Einkommensmöglichkeiten – auch für untere Samurai-Schichten – zu schaffen.
Industrialisierung ohne Fabriklogik: Gifu wurde groß nicht durch Maschinen, sondern durch ein fein abgestimmtes Netzwerk spezialisierter Werkstätten. In der Hochzeitzeit existierten im Gebiet Kano hundertfach Schirmhändler/ -werkstätten; als Peak-Zahl werden rund 600 genannt.
H2: Die „100+ Schritte“ – warum Gifu Wagasa ein Systemhandwerk ist
Eine Wagasa entsteht nicht in „ein paar Arbeitsschritten“, sondern in einer Kette, die je nach Zählweise bis zu rund 100 Teilschritte umfasst: Bambus spalten, sortieren, richten, Rippen setzen, Naben-/Knotenbereiche (z. B. rokuro / 轆轤 als zentrales Bauteil) vorbereiten, Papier zuschneiden, kleben, spannen, ölen, trocknen, nachformen.
Historisch war genau diese Kette die Stärke von Kano: Spezialisten konnten in ihrer Teildisziplin extrem präzise werden. Heute ist sie zugleich die Vulnerabilität – weil einzelne Schlüsselgewerke (z. B. bestimmte Komponentenfertigungen) selten geworden sind.
H2: Materialkunde – Mino-Washi, Madake, Öl
H3: Mino-Washi (美濃和紙) – Papier als Tragmaterial, nicht als „Deko“
Mino-Washi ist nicht „irgendein Papier“, sondern eine regionale Papiertechnik mit eigener Qualitätslogik. Für Spitzenqualitäten (z. B. Honminoshi) wird die Handwerkstradition von Washi international als immaterielles Kulturerbe geführt.
Für Wagasa bedeutet das: Das Papier ist Faserverbund, nicht Oberfläche. Es muss Spannung halten, Klebstoffe aufnehmen und Öl vertragen, ohne zu reißen oder unkontrolliert zu wellen.
H3: Madake (真竹) – Elastizität, Schlankheit, Rückstellkraft
Madake wird in Gifu als klassisches Rippenmaterial genannt: schlank, zäh, federnd – ideal für die „hosomono“-Silhouette.
H3: Öl (z. B. Egoma/荏胡麻) – Schutzfilm und Patina
Traditionell wird die Bespannung für Regenschirme geölt, um Wasser abzuweisen; als regional verankertes Material wird u. a. Egoma-Öl erwähnt.
H2: Hosomono (細物) – die Ästhetik des geschlossenen Schirms
Bei Gifu Wagasa ist „Design“ nicht nur die Fläche, sondern die Gestalt im Ruhezustand. Das Hosomono-Prinzip heißt:
sauberes, schlankes Faltenbild
präzise Ribbengeometrie
eine „stehende“ Eleganz, die den Schirm auch als Objekt lesbar macht
Diese Logik erklärt auch, warum Gifu-Schirme in Erzählungen und Sammlungen oft als besonders „fein“ beschrieben werden – nicht, weil sie weniger robust wären, sondern weil Technik hier sichtbar als Haltung wirkt.
H2: Lichtmuster & „verborgene“ Dekortechniken – wenn die Wagasa erst im Gegenlicht spricht
Gifu Wagasa ist berühmt für Techniken, bei denen das Muster nicht nur aufliegt, sondern konstruktiv entsteht:
Kirinuki / 切り抜き (Ausschnitte): Papier wird vor dem Spannen nach Muster geschnitten, sodass Gegenlicht das Motiv erst vollständig zeigt.
Kiritsugi / 切継ぎ (Patchwork-/Schnitt-Fügung): Verschiedene Papiere werden so gefügt, dass das Motiv über Schicht und Stoß entsteht – ein Verfahren, das als eigenständige lokale Lösung beschrieben wird.
Sukashi (透かし) / „透け模様“: Der Effekt der durchscheinenden Zeichnung ist Teil der regionalen Formensprache.
Solche Details sind der Kern dessen, was Laien oft übersehen: Eine Gifu Wagasa ist nicht „bemalt“, sondern gebaut, damit sie im Licht eine zweite Ebene bekommt.
H2: Erfahrungs- & Praxisbezug – wie man eine Wagasa wirklich nutzt
Eine Gifu Wagasa ist alltagstauglich – aber mit eigener Physik:
Geräusch & Sensorik: Regen klingt auf Washi anders als auf Synthetik; viele beschreiben auch den typischen Geruch traditioneller Öle und das haptische Gefühl der behandelten Bambus-/Lackflächen.
Wind & Wetter: Bambusrippen sind stabil, aber Wind ist kritischer als bei modernen Schirmen. Bei bestimmten Formen hilft die zweistufige Öffnung (hajiki/止具) – der Schirm kann leicht „gesenkt“ genutzt werden, um Wind zu entschärfen oder Schneelast leichter abrutschen zu lassen.
Trocknung: Nach Regen ist gründliches Trocknen wichtig (öffnet man ihn zum Trocknen zu früh/zu spät, können Spannungen und Verzug entstehen). Traditionell gehörte das Trocknen zum Straßenbild der Werkstattviertel – heute ist es vor allem Pflegepraxis.
Praktischer Pflegekern (neutral, bewährt):
Nach Gebrauch geöffnet trocknen, nicht in geschlossenen Taschen „stauen“.
Keine starke Hitze (Heizkörper/heiße Sonne stundenlang) als Trocknungsersatz.
Bei längerem Nichtgebrauch trocken lagern, damit Papier und Bindungen stabil bleiben.
H2: Nachhaltigkeit & Werte – ohne Pathos
Gifu Wagasa steht exemplarisch für eine Handwerkshaltung, die heute wieder verstanden wird: Materialehrlichkeit, Reparierbarkeit, lange Nutzung. Naturmaterialien altern sichtbar; genau darin liegt ein Teil der Wertlogik – nicht als „Trend“, sondern als Konsequenz der Herstellung.
Wer eine Gifu Wagasa sachlich einordnen will, kann auf zwei Ebenen schauen:
Handwerkliche Ebene: viele Teilschritte, Spezialgewerke, lange Herstellzeit → Preis ist Ausdruck von Arbeit, nicht von Marke.
Institutionelle Ebene: Die staatliche Anerkennung als „伝統的工芸品“ ist an definierte Kriterien gebunden (Material, Handarbeit, regionale Kontinuität).
H2: Gegenwart – Wiederaufbau eines fragilen Ökosystems
In den letzten Jahren wurden in Gifu Strukturen gestärkt, um die Kette der Spezialgewerke nicht abreißen zu lassen (u. a. Zusammenschlüsse, Nachwuchsförderung, Sichtbarkeit). Für die Region wird die Gründung entsprechender Organisationen und der Weg zur staatlichen Anerkennung als wichtiger Schritt beschrieben.
5) FAQ (5–7 Fragen, snippet-tauglich)
1) Was bedeutet „Gifu Wagasa“ genau?
„Gifu Wagasa“ (岐阜和傘) bezeichnet traditionelle japanische Schirme aus der Region Gifu, insbesondere rund um Kano (加納), mit charakteristischen Materialien (u. a. Mino-Washi, Madake) und regionaler Techniktradition.
2) Was ist „hosomono (細物)“ bei Gifu Wagasa?
„Hosomono“ meint Schirme, die sich besonders schlank schließen lassen. In Gifu gilt diese elegante Silhouette – die „Schönheit im geschlossenen Zustand“ – als zentrales Qualitätsmerkmal.
3) Ist Gifu Wagasa wirklich staatlich anerkanntes Handwerk?
Ja. „Gifu Wagasa“ wurde am 18. März 2022 als 伝統的工芸品 unter dem japanischen System der Traditional Craft Industries ausgewiesen.
4) Kann man eine Wagasa im Regen benutzen?
Für normale Regenbedingungen: ja – dafür sind geölte Washi-Bespannungen gemacht. Bei starkem Wind sollte man vorsichtig sein; einzelne Wagasa-Typen lassen sich über die Stop-Stufe (hajiki) etwas „gesenkt“ führen, um Wind zu reduzieren.
5) Warum wirken manche Muster erst im Gegenlicht?
Weil Gifu Wagasa Techniken nutzt, bei denen Muster durch Schnitt und Fügung entstehen (z. B. Kirinuki und Kiritsugi). Das Motiv wird dann von innen sichtbar, wenn Licht durch die Papierstruktur fällt.
6) Wie pflegt man eine Gifu Wagasa richtig?
Nach Regen geöffnet trocknen, nicht nass geschlossen lagern, keine starke Hitze zum „Schnelltrocknen“. Das schützt Papier, Bindungen und Form.
7) Woran erkennt man die Komplexität der Herstellung?
Schon die Prozesslogik ist ein Hinweis: Für Wagasa werden bis zu rund 100 Teilschritte beschrieben, verteilt auf Spezialgewerke (Bambus, Nabe/Verbindungen, Papier, Ölen, Trocknen, Formen).
6) Abschluss
Gifu Wagasa ist mehr als ein schöner Schirm. Sie ist ein regionales System aus Materialkunde, Arbeitsteilung und stiller Formdisziplin: Mino-Washi als tragende Haut, Madake als federnde Architektur, Öl als Schutz und Patina – verbunden durch eine Werkstattkultur, die Kano einst zu einem saisonal farbigen Straßenbild machte.
Dass diese Tradition heute zugleich gefährdet und neu belebt ist, macht ihren Gegenwartswert aus: Gifu Wagasa steht für Handwerk, das nicht „dekorativ nostalgisch“, sondern technisch ernst und kulturell präzise ist – und gerade deshalb langfristig relevant bleibt.