Amazake (甘酒) in Japan: Herstellung, Geschichte, Genuss
Amazake (甘酒) verstehen: Geschichte von 日本書紀 bis Edo, Koji (麹), zwei Herstellungsarten, Alkoholfrage, Rituale im Jahreskreis und Qualitätsmerkmale – ohne Mythen.
WASHOKU JAPANISCHE KÜCHE
Setzuro Mirai
2/27/20267 min lesen


Amazake (甘酒) wirkt auf den ersten Blick schlicht: milchig-weiß, leicht körnig, sanft süß. Und doch steckt in dieser Tasse eine ganze Logik japanischer Lebensmittelkultur. Nicht „Süße“ als Reiz, sondern als Ergebnis von Handwerk, Zeit und Temperatur. Nicht „Sake“ als Alkohol, sondern „酒“ als historisches Wortfeld, das lange auch milde, kaum alkoholische Reisgetränke umfassen konnte.
Wer Amazake verstehen will, muss zwei Dinge gleichzeitig betrachten: die kulturelle Praxis – vom Alltag bis zum Jahreskreis – und das fermentative Prinzip, das in Japan mit Koji (麹) eine eigene Präzision entwickelt hat. Amazake ist dafür ein ideales Beispiel, weil es in zwei klar unterscheidbaren Formen existiert, die denselben Namen tragen, aber eine andere Herkunft, ein anderes Aromaprofil und eine andere Alkoholfrage mitbringen.
Hauptteil als Fachartikel
Amazake (甘酒) – was es ist, und was es nicht ist
Amazake ist ein traditionelles japanisches Getränk aus Reis, dessen Süße nicht primär aus zugesetztem Zucker entsteht, sondern aus Umwandlung: Stärke wird in Zucker überführt. Der Begriff bedeutet wörtlich „süßer Sake“, doch Amazake gilt – je nach Herstellungsart – als alkoholfrei oder enthält nur Spuren und wird in Japan nicht als „klassisches“ alkoholisches Getränk verstanden.
Wichtig ist die Abgrenzung zu zwei Verwechslungskandidaten:
Amazake ist nicht Shirozake (白酒). Shirozake wird mit Reis, Koji und zusätzlich alkoholischen Komponenten hergestellt, reift deutlich länger und liegt typischerweise um etwa 10% Alkohol; die häusliche Herstellung ist in Japan nicht erlaubt.
Amazake ist auch nicht Nigorizake / Nigorizake-ähnliche trübe Sake-Varianten. Optisch kann es ähnlich milchig wirken, doch Amazake entsteht nicht durch alkoholische Gärung wie Sake, sondern durch (vor allem) enzymatische Verzuckerung.
Zwei Arten, ein Name: 麹甘酒 und 酒粕甘酒
In Japan wird Amazake sauber in zwei Herstellungswege getrennt:
麹甘酒 (Kōji-Amazake)
Basis: Reis, Reis-Koji (米麹), Wasser. Die Süße entsteht durch Enzyme aus dem Koji; eine alkoholische Gärung ist nicht das Ziel.
酒粕甘酒 (Sakekasu-Amazake)
Basis: Sakekasu (酒粕, die Pressrückstände aus der Sakeherstellung), Wasser, häufig Zucker; hier können je nach Ausgangsmaterial Alkoholspuren verbleiben, die sich beim Erhitzen reduzieren.
Eine knappe Orientierung:
Merkmal麹甘酒 (Koji)酒粕甘酒 (Sakekasu)Süßeaus Reisstärke → Zuckermeist zusätzlich gesüßtAromamilchig, getreidig, „koji-warm“deutlicher Sake-Duft, hefigerTexturporridge-ähnlich, körnig möglichglatter bis cremigAlkoholfragein der Praxis meist alkoholfrei/Spuren je nach Produkteher Spuren möglich, abhängig vom SakekasuTypische SaisonbilderSommer wie Winteroft Winter, wärmend
Die Alkoholfrage sollte man nie „über den Namen“ lösen, sondern über die Herstellungsart und im Zweifel über die Kennzeichnung des Produkts.
Koji (麹) als Schlüssel: Warum Süße ohne Zucker möglich wird
Koji ist Reis (oder ein anderes Getreide), der mit einem Schimmelpilz kultiviert wurde, traditionell vor allem Aspergillus oryzae (麹菌). Entscheidend ist nicht der Pilz „als Zutat“, sondern das, was er leistet: Enzyme entstehen, vor allem Amylasen (für Stärke) und Proteasen (für Eiweiß).
Beim Amazake bedeutet das ganz konkret:
Stärke aus Reis wird in große Mengen Glukose (ブドウ糖) überführt – das ist der Kern der natürlichen Süße.
Auch Proteine werden teilweise in Peptide und Aminosäuren zerlegt, was den weichen Umami-Unterton erklärt, den guter Koji-Amazake trotz Süße besitzen kann.
Dass Koji-Amazake eher glukosebetont ist (und weniger „Haushaltszucker-typisch“ wirkt), wird in neueren Arbeiten über Zusammensetzung und Oligosaccharide ebenfalls beschrieben.
Herstellung: Temperatur als Handwerk, Zeit als Zutat
Koji-Amazake wird traditionell durch warmes Halten hergestellt – nicht kochend, nicht kalt, sondern in einem engen Temperaturfenster, in dem Enzyme optimal arbeiten. Typisch sind etwa 55–60 °C über mehrere Stunden bis „über Nacht“.
Diese Temperatur ist mehr als Technik. Sie prägt Textur und Geschmack:
Zu niedrig: die Verzuckerung bleibt flach, die Süße wirkt stumpf.
Zu hoch: Enzyme verlieren Aktivität, das Getränk wird dünn oder bekommt eine „gekochte“ Note.
Bei der traditionellen Praxis gehört auch das gelegentliche Umrühren dazu: nicht hektisch, eher wie ein stilles „Wieder-Ordnen“ der Masse, damit Wärme und Enzyme gleichmäßig arbeiten.
Sakekasu-Amazake folgt einer anderen Logik: Hier wird Sakekasu in heißem Wasser gelöst und abgeschmeckt. Das Erhitzen ist zugleich Aromaträger und – wenn Alkoholspuren unerwünscht sind – eine pragmatische Reduktion.
Geschmack, Textur, Duft: Wie sich „gute“ Tassen anfühlen
Viele erleben Amazake zuerst über die Textur: leicht dicklich, fast breiig, mit feinen Reispartikeln. Beim Lagern setzt sich ein Teil ab; ein sanftes Schütteln oder Umrühren gehört zum Getränk wie das Aufwärmen selbst.
Sensorisch lohnt es, auf drei Ebenen zu achten:
Die Süße: nicht spitz, eher rund, manchmal mit einem Hauch Malz.
Der Duft: bei Koji-Amazake milchig-getreidig; bei Sakekasu-Amazake deutlich „sake-nah“, hefiger, manchmal leicht fruchtig.
Das Mundgefühl: Koji-Amazake kann seidig wirken, wenn er fein passiert ist, oder körnig, wenn Reispartikel bewusst bleiben. Sakekasu-Amazake wirkt oft glatter, aber aromatisch kantiger.
Traditionell wird Amazake warm getrunken, häufig mit einem Hauch Ingwer (生姜) – nicht, um zu „aromatisieren“, sondern um die Süße zu erden und den Nachhall klarer zu machen. In der warmen Tasse wird Amazake weniger „Dessert“ als „nährend“.
Geschichte und kulturelle Einordnung
Von 日本書紀 bis Edo: alte Süße, lange Kontinuität
Amazake wird in Japan als sehr altes Getränk verstanden. In staatlichen Darstellungen zur traditionellen Esskultur wird auf Einträge im Nihon Shoki (日本書紀) verwiesen; dort wird ein süßes, mildes Reisgetränk (unter Bezeichnungen wie 天舐酒) beschrieben, das dem heutigen Verständnis von Amazake nähersteht als dem modernen, deutlich alkoholischeren Sake.
Später wird Amazake im Edo-Kontext besonders greifbar: Es war nicht nur Winterwärmer, sondern auch Sommergetränk. In Darstellungen zu Edo-Alltag und Jahreszeiten taucht Amazake explizit als Getränk gegen Sommermüdigkeit auf – zusammen mit anderen „kühlenden“ oder stärkenden Angeboten der Straßenkultur.
Das ist mehr als eine hübsche Anekdote: Es zeigt, dass Amazake historisch nicht auf „Neujahr“ oder „Kälte“ festgelegt war, sondern als alltagstaugliche Energiequelle galt – leicht verdaulich, süß, schnell verfügbar.
Amazake im Jahreskreis: Schrein, Markt, Alltag
Heute begegnet man Amazake in Japan oft an Orten, die ohnehin „Tempo“ herausnehmen: an Schreinen und Tempeln, bei saisonalen Anlässen, auf Festen. Es passt dorthin, weil es leise ist: keine Schärfe, kein Alkoholrausch, eher Wärme und Nährgefühl.
Gleichzeitig bleibt die moderne Praxis vielfältig: kalt im Sommer, warm im Winter, pur oder als natürliche Süße in Speisen. Dass Amazake in Japan als „nährstoffreich“ gilt und bis heute populär bleibt, wird auch in aktuellen Übersichten betont – inklusive der umgangssprachlichen Bezeichnung „飲む点滴“ („trinkende Infusion“), die eher eine kulturelle Metapher als ein medizinisches Versprechen ist.
Qualitätsmerkmale: Woran man Amazake erkennt, der „echt“ schmeckt
Zutatenliste lesen, ohne Misstrauen – aber mit Blick
Bei Koji-Amazake ist die schlichteste Rezeptur oft die aussagekräftigste: Reis, Reis-Koji, Wasser. Je mehr Zusätze (Süßstoffe, Aromen, Verdickungsmittel), desto eher verändert sich das Getränk weg von seinem handwerklichen Kern.
Bei Sakekasu-Amazake ist Zucker traditionell naheliegender, weil hier nicht primär verzuckert wird, sondern gelöst und abgeschmeckt. Der Charakter steht und fällt mit dem Sakekasu selbst – und der ist je nach Brauerei deutlich unterschiedlich.
Alkohol: nicht spekulieren, sondern unterscheiden
Offizielle Darstellungen betonen, dass Amazake trotz „酒“ im Namen nicht als klassisches Alkoholgetränk gilt – gleichzeitig wird (je nach Kontext) darauf hingewiesen, dass Produkte sehr geringe Alkoholspuren enthalten können (etwa unter 1%). Das betrifft vor allem Varianten mit Sakekasu und Mischformen; wer Alkohol strikt vermeiden muss, sollte gezielt nach Koji-Amazake greifen und die Kennzeichnung prüfen.
Textur ist kein Fehler, sondern Information
Ein Amazake, der „arbeitet“, zeigt das: leichte Trennung, Sediment, ein körniger Anteil. Das ist kein Qualitätsmangel, sondern Ergebnis geringer Filtration oder bewusster Struktur. Entscheidend ist, ob die Süße klar wirkt, ob der Duft sauber bleibt und ob keine stechenden, „fremden“ Noten auftauchen.
Umgang, Lagerung, Sicherheit: Das leise Risiko süßer Fermente
Amazake ist nährstoffreich und süß – und genau deshalb mikrobiologisch empfindlicher als man denkt. Viele Produkte werden pasteurisiert, andere bewusst „frisch“ angeboten. Für den Alltag heißt das: kühl lagern, sauber arbeiten, nach dem Öffnen zügig verbrauchen. Wissenschaftliche Übersichten diskutieren Amazake ausdrücklich auch unter Sicherheits- und Hygienegesichtspunkten, weil Zusammensetzung und Herstellungsweise je nach Produkt stark variieren können.
Bei Sakekasu-Amazake ist Erhitzen zudem ein aromatischer Schlüssel: Wärme rundet die Hefe- und Sake-Noten ab und reduziert Alkoholspuren.
Moderne und regionale Varianten: Wenn Koji sein Gesicht wechselt
Schwarzer Koji (黒麹) und die säuerliche Klarheit
Neben „gelbem“ Koji (typisch A. oryzae) gibt es in Japan auch Produkte mit schwarzem Koji, wie er aus der Welt von Awamori und bestimmten Shōchū-Traditionen bekannt ist. Sensorisch bringt das häufig eine frischere Säure (unter anderem durch Citronensäure) und eine schlankere Süße. Forschung vergleicht solche Amazake-Varianten und beschreibt Unterschiede etwa bei Oligosacchariden und organischen Säuren.
Vollkorn, brauner Reis, neue Rohstofflogiken
Auch brauner Reis (玄米) wird als Basis genutzt; hier verschieben sich Nährstoff- und Aromaprofile, zugleich werden in der Forschung Themen wie Phytat-Abbau und Mineralverfügbarkeit diskutiert. Solche Arbeiten zeigen vor allem eines: Amazake ist kein „Fixprodukt“, sondern eine Fermenttechnik, die auf Rohstoff und Koji-Kultur reagiert.
Nachhaltigkeit & Werte
Amazake ist ein gutes Beispiel dafür, wie japanische Esskultur Nebenströme nicht als „Abfall“ betrachtet. Sakekasu (酒粕) entsteht beim Pressen der Sake-Maische und wird weiterverwendet – als Lebensmittel, als Zutat, als Grundlage eines eigenen Getränks. In dieser Logik liegt eine stille Form von Ressourcenschonung: weniger über Ideologie, mehr über Selbstverständlichkeit.
Koji-Amazake wiederum zeigt eine andere Wertschätzung: Süße nicht als Industrieprodukt, sondern als Ergebnis von Umwandlung. Wer Amazake trinkt, nimmt eine Herstellungslogik zu sich – und damit auch ein Stück japanischer Fermentkultur (発酵文化), die bis heute Koji als „Werkzeug“ begreift, nicht als Trend.
FAQ
Ist Amazake wirklich alkoholfrei?
Koji-Amazake (麹甘酒) ist in der Praxis meist alkoholfrei bzw. ohne gezielte Alkoholgärung. Sakekasu-Amazake (酒粕甘酒) kann Alkoholspuren enthalten; daher Herstellungsart und Kennzeichnung prüfen.
Warum heißt es „甘酒“, wenn es kein „Sake“ ist?
„酒“ markiert historisch ein Feld von Reisgetränken. Offizielle Darstellungen betonen, dass Amazake trotz Namensbestandteil „酒“ nicht als alkoholisches Getränk im üblichen Sinn gilt, weil es keinen oder nur sehr geringen Alkohol enthält.
Was ist der Unterschied zwischen Amazake und Shirozake (白酒)?
Shirozake wird mit Koji und alkoholischen Komponenten hergestellt, reift länger und liegt um etwa 10% Alkohol. Amazake ist ein anderes Getränk; Koji-Varianten sind deutlich milder und in der Regel ohne Alkoholrausch.
Warum setzt sich Amazake in der Flasche ab?
Die Reisbestandteile sinken oft nach unten, besonders bei weniger stark gefilterten Produkten. Sanftes Schütteln oder Umrühren gehört zur üblichen Handhabung.
Ist Amazake eher ein Winter- oder Sommergetränk?
Beides. Edo-Darstellungen zeigen Amazake ausdrücklich als Sommergetränk gegen Sommermüdigkeit; zugleich wird es heute häufig warm in der kalten Jahreszeit getrunken.
Kann man Amazake täglich trinken?
Als Lebensmittel ist es grundsätzlich alltagstauglich, aber es bleibt ein süßes Getränk mit nennenswertem Glukoseanteil (vor allem Koji-Amazake). Wer empfindlich auf Zucker reagiert oder spezielle gesundheitliche Themen hat, sollte Menge und Kontext bewusst wählen.
Woran erkenne ich Koji-Amazake beim Einkauf?
An der Basis: Reis, Reis-Koji, Wasser. Bei Sakekasu-Amazake steht meist 酒粕 (Sakekasu) in der Zutatenliste; häufig ist Zucker zugesetzt.
Abschluss
Amazake ist ein stilles Getränk. Es drängt sich nicht auf, es überzeugt nicht durch Schärfe oder Extravaganz, sondern durch eine alte Form von Stimmigkeit: Reis, Koji, Wärme, Zeit. In seiner Geschichte – von frühen Erwähnungen bis zur Edo-Stadt – und in seiner heutigen Präsenz zeigt sich, wie Japan Fermentation nicht nur als Technik, sondern als Kulturform versteht.
Wer Amazake einmal in Ruhe vergleicht – Koji gegen Sakekasu, warm gegen kalt, glatt gegen körnig – merkt schnell: Hier geht es weniger um „Trend“ als um ein Grundprinzip. Süße kann entstehen, ohne aufgesetzt zu wirken. Und ein Getränk kann nähren, ohne laut zu sein.